16.-18. August 2025 – Slavonice zum 2.

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Was mir erst jetzt beim Schreiben auffällt: Wir sind heute vor fünf Wochen gestartet, also in der Hälfte unserer Reise – und haben gestern quasi die Rückreise begonnen. Das hatten wir bei der Planung der offenen Zeit nicht im Auge. Dreh- und Angelpunkt dafür ist der Programmpunkt Fratres. Ich habe bei unserem ersten Aufenthalt in Slavonice, einer von nur zwei Orten, von denen ich bereits bei der Tourenplanung wusste, dass ich unbedingt hinmöchte, irgendwo einen ziemlich unscheinbaren Flyer gesehen, der mich sehr angesprochen hat. Heinz konnte sich den Besuch von Fratres am 16.8. ebenfalls vorstellen. Ich habe dann noch per Mail nachgefragt, weil mir nicht klar gewesen ist, ob wir Tickets brauchen und wie wir dazu kommen. Ein sehr sympathischer Mailwechsel. Wir haben dann irgendwann die bisher noch unverplante Zeit nach Kutna Hora so konkretisiert, dass wir am 16.8. in Fratres sein können. Ein erfreulicher Nebeneffekt davon: So komme ich doch noch in den Genuss einer Prise Filmfestival in Slavonice, mein bereits ursprünglich favorisisiertes Aufenthaltsdatum.

Doch zuerst die frühmorgendliche Fahrt von Hardegg nach Slavonice.

Frühmorgens loszuradeln hat seinen ganz besonderen Charme. Heute war das erste Mal auf unserer Tour der Sattel feucht vom Morgentau. Ok, meistens war das Tandem irgendwo geschützt untergebracht.

Kurz ausserhalb des Städtchens ein Verkehrsschild, das ich leider, leider nicht fotografiert habe. Vielleicht könnt‘ihr euch anhand meines Kommentars dazu vorstellen was darunter geschrieben stand.

Was stand da drunter?!

Mein Kommentar hätte gelautet: „xxx?! Sicher nicht! Ich finde, dass die Strasse sauber genug ist. Und wenden will ich schon gar nicht!

So früh morgens kommen uns nur wenige tschechische Fahrzeuge entgegen, wohl auf dem Weg zur Arbeit in Hardegg, das nur über eine Anfahrt via Österreich erreichbar ist. Die Thayabrücke ist für den Autoverkehr gesperrt.

Zwischen erster Morgendämmerung und Sonnenaufgang vergeht einige Zeit. (@Heinz: erinnerst du dich?) Der Sonnenaufgang selber geht flott.

Sonnenaufgang heisst kurz später auch immer Dienstantritt für unser Begleitteam.

Heute pendeln wir den ganzen Tag zwischen Tschechien und Österreich. Ganz konkret und auch in gedanklichen Ausflügen.

Beidseitig der Grenze gibt es Karpfenteiche – und damit Wasservögel, die sich gerne bequem mitfüttern lassen. Die Federviehpopulation variiert, was sich jeweils bereits akustisch ankündigt. Gänse und Enten schnattern hörbar anders – in der entsprechenden Anzahl ergeben beide eindrückliche Hörkulissen, wenn sie von einem Tandem aufgescheucht werden sowieso!

Die nächsten Tage bewegen wir uns wieder im Thayaland, eine landschaftlich, kulturell und auch von den Menschen her sehr abwechslungsreiche und vielseitige Gegend.

Die Landschaft im Thayaland variiert zwischen viel Ruhe ausstrahlender Weite, sanften Hügellandschaften, idyllischen Strecken an Flussläufen und Weihern entlang, angenehm kühlen und würzig duftenden Waldstücken. Ein Sinnenfest, das sich auch im kulinarisch ansprechenden, vielfältigen Angebot wiederspiegelt. Grenzregionen haben schon ihre ganz besonderen Reize, was mir als Bewohnerin des Dreiländerecks in Basel gerade wieder einmal bewusst und dankbar machend auffällt.

Wir sind einerseits flott und andererseits mit viel Zeit und Musse für Foto- und andere Halte unterwegs.

Das Kinderfahrrad im Hintergrund, das Haus und die Mülltonne sind alle auch in gelb. Ob das wohl jemandes Lieblingsfarbe ist 🤔? Ganz sicher ist es, was den Fuhrpark und beispielsweise auch Sonnenblumen angeht, DIE präferierte Farbwahl einer lieben Freundin von mir. Ein Extra-Gruss an dich, Cara! Die du auch eine meiner Lieblingsleserinnen bist, weil du offen und bereit bist auf Rätsel einzusteigen, andere Inspirationen aufnimmst und mir so oft Kommentare und Ergänzungen schickst, die mich bereichern und mir oft ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Danke für deine Freundschaft!

Was das Trike für mich sehr sympathisch macht, sind die beiden Kinderfotos von zwei Mädchen hinten drauf. Scheint ein Familienvater zu sein, der viele seiner Interessen und Facetten zu leben scheint. Faszinierend. Ob ich mal nach Synonymen dafür suchen sollte…

Ach ja, DIE gehören leider auch dazu, zum Landschaftsbild, auf der tschechischen Seite. Muss eine in vielerlei Hinsicht schreckliche Zeit gewesen sein, an die sie heute noch mahnen. Mir kommt dazu der Titel eines Filmes in den Sinn, den ich vor Jahren mal gesehen habe: Angst essen Seele auf.

im Umkreis von wenigen hundert Metern

Am Abend habe ich ein Gespräch mit einem Mann geführt, der hier aufgewachsen ist und mir Geschichten erzählt hat, auch von Hardegg und den politischen Verwerfungen und Dramen, die verirrte Wanderer oder andere Menschen ausgelöst haben, welche die tschechische Grenze in der Zeit des kalten Krieges unbeabsichtigt oder auch nicht, überschritten haben. Solche Zeitzeugen und persönlichen Geschichten lassen teilweise monströse und menschlich sehr tragische und wohl auch über Generationen wirkende Dimensionen aufscheinen und verursachen mir Hühnerhaut. Für die Betroffenen Erfahrungen mit denen sie im Alltag auf die eine oder andere Art zu leben gelernt haben, für mich manchmal sehr unerwartete Einblicke in eine Realität, mit der ich zu meinem grossen Glück nie konfrontiert worden bin. Doch zurück nach diesem thematischen und bewegenden Ausflug in eine vergangene, aber nachwirkende Zeit in mein hier und jetzt.

Es ist erst kurz nach 8 Uhr, also viel Zeit, bis wir um 11 Uhr einchecken können. Kein Problem in einem Ort wie Slavonice.

Zuerst ein Kaffee an einem vertrauten Ort, dann einen zweiten und etwas zum Frühstück im ebenfalls bereits vertrauten Spolkový dům Slavonice, wo es ein gutes Internet hat und auch sonst angenehm und spannend ist. Dieses „Deutsche Haus“ oder auch einfach „Vereinshaus“, wie es ebenfalls genannt wird, ist ein bemerkenswerter Ort. Hier mehr dazu auf Englisch.

So, inzwischen eingecheckt, frisch geduscht und mit Regensachen im Rucksack, weil – je nach App – heftige Gewitter angesagt sind.

Wir essen noch von den feinen Palatschinken in einem der Keramik-Cafés und sind dann ready für den Hauptgrund unseres zweiten Stops in Slavonice.

Ab nach Fratres, das nur 2.5 km weg, drüben in Österreich liegt. Heute wird dort das 30-jährige Jubiläum der Kulturbrücke mit einem abwechslungsreichen Programm gefeiert.Wir werden von Monika (?) und von Peter Coreth, dem Besitzer und Stifter der Idee und – mit Ausnahme der Afrika-Donation – aller Exponate im Museum Humanum begrüsst.

Wir sind extra frühzeitig gekommen, um Zeit für das Museum zu haben. Peter gibt uns eine kurze Einführung: das Museum ist thematisch in fünf sogenannten Arkaden aufgebaut, ein sehr ansprechendes Konzept.

Arkadenplan Museum Humanum

Peter Coreth hat – unter anderem auf seinen Reisen als Journalist – eine beeindruckende Sammlung von rund 6000 Exponaten zusammengetragen. Ich habe viele Fotos gemacht, auch von den informativen, anregenden und sehr ansprechend formulierten Erläuterungen zu den Arkaden und den Arkaden. Eine Auswahl zu treffen fällt mir gerade schwer, deshalb hier der Link zum Museum. Wann ich wohl die Zeit und Musse haben werde, einzelne Texte nochmals zu lesen? Oder für einen weiteren Besuch dieses so besonderen Ortes?

Ach ja, die Afrika-Donation. Wir sind gleichzeitig mit Familienmitgliedern von Monika und Peter angekommen und begrüsst worden. So hat es sich ergeben, dass ich mit – uups, den Namen habe ich leider bereits wieder vergessen – ins Gespräch gekommen bin und einige Insider-Infos zur Ausstellung und den Herausforderungen, die sich damit und überhaupt rund um die Bewahrung des Erbes von Peter stellen, erfahren habe. Eine bereichernde und sehr sympathische Begegnung. Wie an diesem Nachmittag und Abend noch viele folgen werden. Ich wechsle auch ein paar Worte mit Erika Pluhar.

Was auch nachklingt: Puh, bin ich froh, dass mein Leben und mein Nachlass ziemlich übersichtlich sind.

Nach einem Eindrücke-sortierenden Spaziergang auf dem Gelände

und weiteren interessanten Gesprächen mit unter anderem Hannes Fröhlich oder dem technischen Verantwortlichen des Anlasses, der beruflich für den Thaya-Radweg arbeitet, suche ich mir einen Platz in der Veranstaltungsscheune. Auch hier: Afrika, Afrika, Afrika.

Ein paar kurze einführende Worte von Jana Zoglauer-Vinšová, eine der vielen Freiwilligen, welche die Kulturbrücke betreiben und der Moderator Reinhard Linke, startet sein Gespräch mit Erika Pluhar. 1939, derselbe Jahrgang wie meine Mutter. Wortgewandt, direkt, lebenserfahren – und sehr unterhaltsam. Die Lesung: berührend. Das Buch: ein Lesetipp.

Nach der Lesung eine halbe Stunde Pause. Das grosszügige Buffet ist geöffnet. Wie alles, das von der Kulturbrücke veranstaltet wird: auf Spendenbasis. Weiter geht‘s mit einem Rückblick auf 30 Jahre Kulturbrücke. Was da alles auf die Beine gestellt und veranstaltet worden ist: beeindruckend. Nach einer weiteren kurzen Pause das Konzert mit Václav Merla, ein weiteres Highlight.

Lust auf eine Kostprobe?

Viel Schlussapplaus, ein paar abschliessende Worte und die Einladung, bei einem Glas Wein und Häppchen vom Buffet ins Gespräch zu kommen: Kulturbrücke in Aktion. Wir folgen der Einladung gerne – und werde vom Kommunikationsmensch der Kulturbrücke angesprochen, mit dem ich im Vorfeld der Veranstaltung gemailt habe. Eine weitere sehr sympathische Begegnung. Und natürlich darf er ein Foto von uns und dem Tandem machen; zum Glück sind wir weniger staubig als unser Stahlross 😉.

Beschwingt radeln wir retour nach Slavonice. Der Regen scheint eher in Richtung Waldighofen zu fallen. Nach Gewittern sieht‘s gar nicht aus.

In Slavonice ist noch echt was los, sogar bis in die Morgenstunden, wie wir noch merken werden. Entspannte Stimmung, cooler Sound – ich habe schon viel zu lange nicht mehr getanzt. Heinz geniesst derweil einen Schlummertrunk.

Wir sind müde. Andere noch lange nicht.

17. August 2025 – hin & weg

Mal keinen Wecker zu stellen ist auch schön. Zwar wachen wir früh auf, aber nehmen‘s sehr gemütlich. Beim zweiten Kaffee passiert mir ein peinliches Malheur; unsere Landlady reagiert sehr unkompliziert und wir können den Ersatz des Wasserkochers einfach bezahlen.

Zeit für das Müesli, damit wir nicht hetzen müssen. Uups! SO schnell kommen wir hier nicht weg.

Ganz überraschend kommt das nicht; der Pneu hat die letzten beiden Tage schleichend Luft verloren. Über Nacht ist ihm die Puste gänzlich ausgegangen. Weil aller guter Dinge drei beziehungsweise bezogen auf den Schlauch zwei sind… Doch lassen wir das und fahren los Richtung Litschau, wo wir letztes Jahr einen Kaffee getrunken haben, nichts mitbekommend von den kulturellen Schätzen dort.

Schon die Fahrt ist ein pures Vergnügen. Trotz Gegenwind geht‘s flott. Die Temperaturen sind angenehm, die Strassen praktisch leer und die Landschaft eine Augenweide.

Wir sind früh genug vor Ort, um uns umzuziehen, ein wenig umzusehen und noch etwas zu trinken. Der Festivalort ist ein am Herrensee gelegenes, zum Baden und vielem mehr einladendes und clever konzipiertes Theater- und Feriendorf. Wir sind hier für das Festival HIN & WEG, konkret für „Schubert unrasiert“. Hin & weg passt. Das bin ich vom Ort und nach der Vorstellung dieser vier multi-talentierten jungen Menschen sowieso.

Noch Kaffee und Kuchen beim „Dorfwirt“, der eine sehr ansprechende Karte hat – Knopf ins Nastüechli für ein anderes Mal – und dann geht‘s durch das goldige Abendlicht retour nach Slavonice.

Hier entdecken wir ein weiteres Restaurant, wo wir nicht nur fein essen, sondern auch den Ort sehr spannend finden.

Noch ein paar Fotos im warmen Abendlicht und dann neigt sich auch dieser Tag Richtung Dusche, die Weiterfahrt vorbereiten und Bettenhausen.

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